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Die echten Kriminalfälle hinter „Chicago“ 📰🎭

Der Musical- und Filmklassiker „Chicago“ ist zwar eine kunstvoll überspitzte Satire über Ruhm, Medien und Justiz — aber seine Wurzeln liegen erstaunlich direkt in echten Kriminalfällen. Gerade das macht das Werk so faszinierend: Hinter Glitzer, Jazz und bitterem Humor stehen reale Taten, reale Prozesse und eine reale Presse, die aus Angeklagten öffentliche Spektakel machte.

Der Stoff geht letztlich auf das Theaterstück „Chicago“ von Maurine Dallas Watkins aus dem Jahr 1926 zurück. Watkins war nicht bloß Dramatikerin, sondern arbeitete zuvor als Gerichtsreporterin in Chicago. Sie berichtete über aufsehenerregende Mordfälle von Frauen, die ihre Liebhaber oder Ehemänner getötet hatten — und beobachtete aus nächster Nähe, wie Presse, Publikum und Strafjustiz daraus eine Mischung aus Moraltheater und Unterhaltung formten.

Im Zentrum der Inspiration stehen vor allem zwei reale Frauen:

  1. Beulah Annan — Vorbild für Roxie Hart
  2. Belva Gaertner — Vorbild für Velma Kelly

Daneben floss aber auch das gesamte Klima des Chicago der 1920er Jahre in den Stoff ein: Boulevardjournalismus, Sensationsprozesse, Geschlechterbilder, Alkohol, Nachtleben, öffentliche Inszenierung und die erstaunliche Macht guter Schlagzeilen.


Historischer Hintergrund: Chicago in den 1920ern

Um die echten Fälle zu verstehen, muss man sich kurz die Zeit vor Augen führen. Chicago war in den 1920er Jahren eine Stadt voller Gegensätze:

  • wirtschaftlicher Aufstieg,
  • urbanes Nachtleben,
  • Prohibition,
  • Kriminalität,
  • Korruption,
  • und eine Presse, die aus Gewaltfällen regelrechte Serien machte.

Gerade Mordprozesse mit jungen oder attraktiven Frauen zogen enorme Aufmerksamkeit auf sich. Die Medien berichteten nicht nur nüchtern über Tat, Beweise und Urteil, sondern bauten oft dramatische Erzählungen:

  • die „gefallene Frau“,
  • die „verführte Ehefrau“,
  • die „schöne Sünderin“,
  • die „tragische Geliebte“,
  • oder die „moderne Frau“, die an zu viel Freiheit zerbricht.

Diese Berichte waren selten neutral. Sie waren emotional, suggestiv und oft klar darauf angelegt, Leser zu fesseln. Genau diese Mechanik greift „Chicago“ später auf: Nicht die Wahrheit allein zählt, sondern welche Geschichte sich am besten verkauft.


Maurine Dallas Watkins: Die Frau, die alles beobachtete

Maurine Dallas Watkins arbeitete für die Chicago Tribune und berichtete 1924 über mehrere spektakuläre Fälle von Frauen, die Männer erschossen hatten. Sie sah nicht nur die Prozesse, sondern auch, wie die Angeklagten in der Presse regelrecht inszeniert wurden.

Das Entscheidende dabei: Watkins war zunächst selbst Teil dieses Systems. Sie schrieb Reportagen, die vom sensationellen Charakter der Fälle profitierten. Später verwandelte sie ihre Beobachtungen in ein Theaterstück, das genau diese Vermarktung kritisierte.

Darin liegt bereits eine Ironie, die später auch für das Musical und den Film zentral wird:
Das Werk kritisiert die Verwandlung von Verbrechen in Unterhaltung — und tut dies selbst in einer extrem unterhaltsamen Form.


Beulah Annan: Das reale Vorbild für Roxie Hart

Wer war Beulah Annan?

Beulah May Annan war eine verheiratete Frau, die 1924 in Chicago einen Mann namens Harry Kalstedt erschoss. Dieser Fall gilt als die deutlichste reale Vorlage für Roxie Hart.

Beulah stammte nicht aus dem glamourösen Showgeschäft, aber die Ähnlichkeiten zur späteren Roxie-Figur sind auffällig:

  • eine Frau mit starkem Interesse an Aufmerksamkeit,
  • eine außereheliche Beziehung,
  • ein Mord an einem Liebhaber,
  • und eine medienwirksame Selbstinszenierung im Anschluss.

Die Tat

Am 3. April 1924 erschoss Beulah Annan Harry Kalstedt in ihrer Wohnung. Sie gab zu, auf ihn geschossen zu haben, bestritt jedoch zunächst ein kaltblütiges Motiv. Nach den Berichten jener Zeit war Kalstedt ihr Liebhaber gewesen.

Besonders berühmt wurde ein Detail, das direkt in den Mythos des Falls einging:
Beulah soll nach der Tat das Lied „Hula Lou“ gespielt oder gesummt haben. Dieses Motiv der scheinbar merkwürdig gelassenen, performativen Reaktion nach einem Mord faszinierte die Presse enorm.

Ob alle Details in jeder späteren Nacherzählung exakt so zutreffen, ist schwer zu prüfen — aber für die öffentliche Wahrnehmung war genau dieses Bild entscheidend: eine Frau, die nicht in das erwartete Muster schockierter Reue passte.

Die Verteidigungsstrategie

Hier wird die Verbindung zu „Chicago“ besonders deutlich. Beulahs Verteidigung stellte sie nicht einfach als Täterin dar, sondern als eine Frau, die emotional verletzt, bedroht oder von einem Mann in eine ausweglose Situation gebracht worden sei.

Ihr Ehemann unterstützte sie bemerkenswerterweise lange Zeit öffentlich. Auch das erinnert sehr stark an Amos in „Chicago“: den loyalen, etwas übersehenen Ehemann, der an die Geschichte seiner Frau glauben will oder sie zumindest mitträgt.

Die mediale Darstellung arbeitete intensiv mit Bildern wie:

  • „arme Ehefrau“,
  • „verführte Frau“,
  • „unglückliche Geliebte“,
  • „weibliche Verzweiflungstat“.

Damit wurde der Fall von einem Mordprozess zu einer Erzählung über Gefühl, Moral und weibliche Verletzlichkeit.

Das Urteil

Beulah Annan wurde schließlich freigesprochen. Genau das war für viele Beobachter schockierend und aufschlussreich zugleich: Trotz der klaren Tötungshandlung gelang es, durch Narrative, Sympathie und Geschlechterbilder ein anderes Bild der Angeklagten zu erzeugen.

Für Maurine Dallas Watkins muss dieser Fall wie ein Lehrstück gewirkt haben:

  1. Die Tat allein entscheidet nicht über die öffentliche Wahrnehmung.
  2. Pressebilder formen Mitleid oder Abscheu.
  3. Weiblichkeit kann im Gerichtssaal strategisch eingesetzt werden.
  4. Wahrheit wird durch Inszenierung überlagert.

Verbindung zu Roxie Hart

Die Parallelen zu Roxie sind enorm:

  • Roxie tötet ihren Liebhaber.
  • Sie versucht zunächst, die Situation umzudeuten.
  • Ihr Fall wird zum Medienereignis.
  • Ihr Ehemann wird emotional ausgenutzt.
  • Ein cleveres öffentliches Narrativ macht sie zur sensationsfähigen Figur.

Roxie ist allerdings keine 1:1-Kopie von Beulah Annan. Die Bühnen- und Filmfigur ist satirischer, ehrgeiziger und stärker auf Ruhm ausgerichtet. Aber der Kern stammt klar aus Annans Fall: eine Frau, deren Mordprozess durch mediale Verpackung beinahe zur Karriere wird.


Belva Gaertner: Das reale Vorbild für Velma Kelly

Wer war Belva Gaertner?

Belva Gaertner war deutlich älter und gesellschaftlich anders positioniert als Beulah Annan. Sie war eine geschiedene Frau mit Ruf als elegante, mondäne Gestalt des Nachtlebens. Gerade deshalb wirkt sie wie ein starkes Vorbild für Velma Kelly: erfahrener, härter, kontrollierter, weltgewandter.

Die Tat

1924 wurde Walter Law erschossen in einem Auto gefunden. Belva Gaertner saß bzw. befand sich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Szene, und die Umstände deuteten stark auf ihre Beteiligung hin. Sie war bekannt dafür, ein glamouröses, alkoholreiches Nachtleben zu führen, und genau das machte sie für die Presse zur faszinierenden Figur.

Anders als bei Beulah war das öffentliche Bild hier weniger das der naiven oder verführten Frau, sondern eher das der kühlen, modernen, gefährlichen Frau, die mit Männern, Alkohol und nächtlichen Exzessen verbunden wurde.

Das Pressebild

Belva wurde in den Medien oft mit stark stilisierten Attributen beschrieben:

  • elegant,
  • distanziert,
  • mondän,
  • trinkfest,
  • sexuell selbstbestimmt,
  • und emotional schwer lesbar.

Gerade diese Mischung war für die Presse Gold wert. Sie war nicht bloß Angeklagte, sondern bereits fast eine Figur aus einem Kriminalroman. In ihrer Darstellung zeigt sich eine andere Seite derselben Sensationslogik:

Während Beulah als verletzliches, theatrales Opfer erscheinen konnte, stand Belva eher für die coole, urbane Femme-fatale-Version.

Die Verteidigung und das Urteil

Belva Gaertner behauptete sinngemäß, sich an die Ereignisse der Nacht nur bruchstückhaft zu erinnern. Alkohol spielte in der Darstellung des Falls eine wichtige Rolle. Wie bei Beulah gelang es auch hier, trotz schwerer Verdachtslage eine Verurteilung zu vermeiden.

Auch Belva Gaertner wurde freigesprochen.

Für Watkins bestätigte das vermutlich ein zentrales Muster: In diesen spektakulären Fällen ging es vor Gericht nicht allein um Schuldbeweise, sondern auch um Charisma, Geschlechterrollen, mediale Verpackung und gesellschaftliche Fantasien darüber, wie Frauen zu sein hätten.

Verbindung zu Velma Kelly

Velma Kelly im Musical und Film ist keine exakte historische Belva, aber viele Merkmale passen:

  • größere Souveränität,
  • stärkere Professionalität,
  • ein härterer öffentlicher Auftritt,
  • mehr Erfahrung im Umgang mit Aufmerksamkeit,
  • weniger unschuldige Fassade, mehr kalkulierter Stil.

Velma ist in der Kunstfigur stärker Entertainerin als Belva, doch der Archetyp stammt deutlich aus dieser realen Vorlage: eine Frau, die im Skandal nicht untergeht, sondern ihn beinahe mit eiserner Haltung überlebt.


Roxie und Velma: keine Kopien, sondern Verdichtungen

Ein wichtiger Punkt wird oft übersehen: Die Figuren in „Chicago“ sind keine biografischen Verfilmungen realer Personen. Sie sind vielmehr satirische Verdichtungen.

Das heißt:

  1. Roxie Hart übernimmt wesentliche Elemente aus dem Fall Beulah Annan:

    1. Liebhaber erschossen
    2. Aufmerksamkeitssuche
    3. manipulierbare öffentliche Geschichte
    4. loyaler oder nutzbarer Ehemann
  2. Velma Kelly greift eher den Typus Belva Gaertner auf:

    1. erfahren
    2. mondän
    3. abgeklärt
    4. in der Öffentlichkeit bereits als starke Figur lesbar
  3. Beide zusammen stehen für ein größeres Thema:

    1. Verbrechen wird zur Performance
    2. Weiblichkeit wird strategisch vermarktet
    3. Medien erschaffen aus Angeklagten Rollen

Gerade deshalb funktioniert „Chicago“ so gut: Es will nicht dokumentarisch exakt sein, sondern die Mechanik bloßlegen, die hinter mehreren echten Fällen sichtbar wurde.


Der Boulevardjournalismus als Mit-Täter

Wenn man nach den „echten Kriminalfällen“ hinter „Chicago“ fragt, sollte man nicht nur auf die Täterinnen schauen. Ebenso wichtig ist die Rolle der Presse.

Die Zeitungsberichte jener Jahre formten diese Prozesse aktiv mit. Reporterinnen und Reporter beschrieben Kleidung, Frisuren, Gesichtsausdrücke, Tränen, Gesten und Liebesleben oft fast genauso ausführlich wie Beweismittel. Dadurch entstand ein Publikum, das nicht nur wissen wollte, was passiert war, sondern welche Figur die Angeklagte in diesem Drama spielte.

Die Presse machte aus den Frauen:

  • Heldinnen,
  • Sünderinnen,
  • Opfer,
  • Verführerinnen,
  • oder tragische Stars.

Genau hier liegt einer der schärfsten Gedanken von „Chicago“:
Nicht nur die Angeklagten spielen Rollen — alle spielen Rollen.

  • die Anwälte,
  • die Staatsanwaltschaft,
  • die Journalisten,
  • die Zuschauer,
  • und selbst die moralische Empörung.

Weiblichkeit, Moral und das Gericht

Ein zentraler Aspekt der echten Fälle ist die Frage, warum gerade diese Frauen so viel Sympathie oder Faszination erzeugen konnten.

Die Antwort liegt auch in den damaligen Geschlechterbildern. Frauen galten gesellschaftlich oft als weniger zu brutaler Gewalt fähig oder wurden bei Gewalttaten schneller psychologisiert und emotionalisiert. Statt sie einfach als Täterinnen zu sehen, fragte man:

  • Wurde sie verführt?
  • Wurde sie bedroht?
  • War sie hysterisch?
  • War sie verzweifelt?
  • Hat ein Mann sie „ruiniert“?

Das konnte entlastend wirken. Gleichzeitig war diese Sicht natürlich auch bevormundend, weil sie Frauen nicht als vollständig eigenverantwortliche Akteurinnen betrachtete.

„Chicago“ macht aus genau diesem Widerspruch Satire:

  • Frauen werden unterschätzt,
  • aber genau diese Unterschätzung kann strategisch genutzt werden.
  • Weibliche Inszenierung wird zur Ressource.
  • Moral wird zur Kostümfrage.

Billy Flynn und die realen Star-Anwälte

Die Figur Billy Flynn ist ebenfalls von der Realität inspiriert. In Chicago gab es damals prominente Strafverteidiger, die medienwirksam auftraten und wussten, wie man Fälle öffentlich rahmt. Besonders genannt wird oft der Anwalt W. W. O’Brien, der sowohl Beulah Annan als auch Belva Gaertner verteidigte.

Das ist ein bemerkenswertes Detail:
Dieselben gesellschaftlichen Mechanismen, die im Stück als Satire erscheinen, waren in den realen Fällen tatsächlich vorhanden.

Ein solcher Anwalt war nicht nur Jurist, sondern oft auch:

  • Stratege,
  • Geschichtenerzähler,
  • öffentlicher Darsteller,
  • und ein Meister im Umgang mit Zeitungen.

Billy Flynn ist also keine übertriebene Fantasiefigur aus dem Nichts, sondern die musikalisch glänzende Zuspitzung eines sehr realen Typs: des Verteidigers als Regisseur öffentlicher Wahrnehmung.


Von der Reportage zum Theaterstück

Maurine Dallas Watkins verwandelte ihre Eindrücke aus den Gerichtsprozessen in das Stück „Chicago“ von 1926. Dieses Stück war bereits scharf, zynisch und stark auf die Verbindung von Verbrechen und Showbusiness fokussiert.

Wichtig ist: Watkins schrieb nicht einfach nur „über Mörderinnen“. Sie schrieb über eine Gesellschaft, die Mörderinnen erst zu Berühmtheiten macht.

Das Stück fragte sinngemäß:

  1. Warum lieben Zeitungen diese Fälle so sehr?
  2. Warum genießt das Publikum sie?
  3. Warum kann Charme die Wahrnehmung von Schuld verändern?
  4. Warum wird ein Mord erst dann wirklich groß, wenn er sich gut erzählen lässt?

Diese Fragen blieben auch in späteren Adaptionen erhalten:

  • im Musical von Bob Fosse, Fred Ebb und John Kander,
  • und im Film von Rob Marshall.

Was ist historisch gesichert — und was wurde mythologisiert?

Bei echten Kriminalfällen, die über Jahrzehnte immer wieder erzählt werden, vermischen sich oft Aktenlage, Zeitungsdrama und spätere Legende. Deshalb ist es sinnvoll, zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden.

Relativ gut belegt

  • Es gab reale Fälle mit den Frauen Beulah Annan und Belva Gaertner.
  • Beide standen 1924 in Chicago wegen tödlicher Schüsse auf Männer im Fokus.
  • Beide Fälle wurden enorme Mediensensationen.
  • Maurine Dallas Watkins berichtete darüber.
  • Beide Frauen dienten als wesentliche Inspirationsquellen für ihr Stück.

Wahrscheinlich zugespitzt oder kulturell ausgeschmückt

  • einzelne Dialoge,
  • bestimmte ikonische Verhaltensdetails,
  • spätere stark vereinfachte Charakterbilder,
  • und die Vorstellung, dass jede Entsprechung zwischen Realität und Musicalfigur exakt sei.

Gerade bei populären Stoffen passiert oft Folgendes:
Ein reales Ereignis wird nicht falsch, aber dramaturgisch immer klarer und schärfer gemacht, bis es perfekt in eine kulturelle Erzählung passt.


Warum diese echten Fälle bis heute so faszinieren

Dass die realen Vorlagen von „Chicago“ bis heute interessieren, liegt nicht nur an der Verbindung zum berühmten Musical. Die Fälle wirken auch deshalb modern, weil ihre Themen sehr gegenwärtig erscheinen.

1. Medien machen aus Kriminalität Erzählungen

Was damals die Sensationszeitung war, ist heute oft:

  • Boulevardpresse,
  • True Crime,
  • Social Media,
  • Streaming-Dokumentation,
  • oder virale Empörung.

2. Persönlichkeit überlagert Fakten

Noch immer gilt oft: Wer charismatisch wirkt oder die bessere Story hat, beeinflusst öffentliche Wahrnehmung stark.

3. Frauenbilder prägen Bewertung

Auch heute werden weibliche Angeklagte häufig anders gelesen als männliche — etwa über Aussehen, Emotionalität, Mutterschaft, Sexualität oder „Opfer“-Narrative.

4. Prozesse sind öffentliche Inszenierungen

Selbst wenn Gerichte formal nach Recht funktionieren, findet parallel fast immer ein zweiter Prozess statt: der in der Öffentlichkeit.

Und genau das macht „Chicago“ so langlebig: Es beschreibt keinen kuriosen Einzelfall aus den 1920ern, sondern einen Mechanismus, der bis heute fortlebt.


Der vielleicht bitterste Punkt: Maurine Dallas Watkins bereute den Stoff teilweise

Ein oft erwähnter, sehr interessanter Aspekt ist, dass Maurine Dallas Watkins später Abstand von dem Ruhm nahm, der aus dem Stoff entstand. Es heißt häufig, sie habe mit der Zeit ein schwieriges Verhältnis dazu entwickelt, dass aus den realen Gewalttaten Unterhaltung wurde.

Das passt erstaunlich gut zur inneren Spannung des gesamten Werks:
„Chicago“ lebt davon, dass es brillant unterhält — und zugleich zeigt, wie problematisch genau diese Unterhaltung sein kann.


Fazit

Die echten Kriminalfälle hinter „Chicago“ sind nicht bloß eine kuriose Fußnote, sondern der eigentliche Motor des gesamten Stoffes. Die Fälle von Beulah Annan und Belva Gaertner lieferten die realen Muster für Roxie Hart und Velma Kelly: Frauen, die wegen tödlicher Gewalt angeklagt wurden und deren Schicksale in Chicago zu öffentlichen Spektakeln wurden.

Entscheidend ist dabei nicht nur, dass diese Morde geschahen, sondern wie darüber gesprochen wurde:

  • als Drama,
  • als Moralstück,
  • als Glamourgeschichte,
  • als Geschlechterkampf,
  • und als Medienereignis.

Genau daraus entstand „Chicago“: aus der Beobachtung, dass moderne Gesellschaften selbst Verbrechen in Show verwandeln können.